Interview mit Professor Dr. Gerd Glaeske

»Webrecherche kann den Arztbesuch nicht ersetzen«

»Dr. Google« ist beliebt: Fast die Hälfte der Deutschen informierte sich in den letzten zwölf Monaten im Internet über Gesundheitsthemen*. Wie sinnvoll ist die Selbstrecherche und was sollte man dabei beachten? Darüber haben wir mit dem Gesundheitsexperten Professor Dr. Gerd Glaeske gesprochen.  

Herr Professor Glaeske, immer mehr Menschen nutzen das Internet, um sich über Symptome, Diagnosen oder Therapiemöglichkeiten zu informieren. Welche Vorteile bietet die Recherche im Netz?

Ein wichtiger Aspekt ist sicherlich, dass das Internet zu jeder Tages- und Nachtzeit direkt verfügbar ist: Es gibt keine Wartezeiten, keine Beschränkungen für die Suche nach medizinischen Begriffen, nach Symptomen oder Krankheiten und man findet darüber hinaus auch Berichte von Menschen, die ähnliche Beschwerden haben wie die, die man an sich selber entdeckt hat, die man als neu und ungewohnt gespürt hat und die einem Sorgen machen, zumindest aber Fragen aufwerfen. »Dr. Google« hat unbegrenzt Zeit, hat immer ein offenes Ohr, beschreibt Situationen und Beschwerden, in denen man sich wiedererkennt und dadurch bestätigt, verstanden und getröstet fühlt.

Und manchmal ist es für Menschen einfach auch interessant zu wissen, unter welchen Krankheiten andere Menschen leiden, was sie belastet und bedrückt.
 

Neben seriösen Angeboten, die fundiertes Gesundheitswissen vermitteln, gibt es auch Websites mit falschen oder irreführenden Informationen. Wie lassen sich diese erkennen und was ist daran so problematisch?

Leider sind die seriösen Seiten in der Minderzahl und es ist in der Tat nicht einfach, die Spreu vom Weizen zu trennen. Ein Blick in das Impressum der Seiten kann bereits einen Hinweis darauf geben, wer als Absender der Botschaften firmiert. Gerne »verstecken« sich Anbieter mit kommerziellen Interessen wie zum Beispiel Pharmafirmen oder private »Wunderanbieter« hinter Agenturen, die den Inhalt der Seiten betreuen und ausschmücken. Handelt es sich unter Umständen um Werbung? Viele dieser unseriösen Seiten bieten Hinweise auf ungeprüfte Therapien, auf einfach und schnell durchzuführende Operationen oder machen Angebote für Vitaminkuren, Mittel gegen Altersbeschwerden oder für besseres Denken und nimmermüde werdende Potenz. Das Internet ist eben – bis auf wenige Ausnahmen – ein unkontrollierter Tummelplatz von Angeboten, mit denen die Nachfrage auch im medizinischen Bereich gesteigert werden soll. Und da gibt es genügend Angebote, die eher schaden als nutzen.
Mit ein wenig ruhiger Überlegung wird man jedoch rasch darauf kommen, dass es sich häufig um Geschäftemacherei handelt, die bestenfalls nur teuer, schlechtestenfalls aber auch gefährlich werden kann.

Problematisch ist es auch, wenn diese Seiten übertriebene und unnötige Krankheitsängste schüren: So finden sich beispielsweise zum Stichwort »Kopfschmerz« nicht nur Treffer wie »Migräne« oder »Verspannungen«, sondern auch beängstigende Ergebnisse wie »Hirntumor«. Daraus kann eine starke Verunsicherung entstehen, ohne dass überhaupt ein Arzt konsultiert wurde.
Viele Nutzerinnen und Nutzer von Medizinseiten im Internet, die nach einer Diagnose für ihre Symptome fahnden, landen oft genug bei Krebs, und viele erfahren noch mehr über ihre Symptome, als sie sich vorstellen konnten – bei den Tausenden von Symptomen und Krankheiten kann ein solches Ergebnis nicht erstaunen. Anfällige Menschen, die immer wieder auch bei kleinsten Anlässen und Unregelmäßigkeiten ihres Körpers in sich hineinhorchen, bezeichnen wir oft als Hypochonder, als Menschen also, die unter übertriebenen Krankheitsängsten leiden, für die es aber keinen begründeten Anlass gibt. In Zeiten des Internet ist dieser Begriff variiert worden und lautet nun Cyberchondrie, eine Krankheitsangst also, die durch die vielfältigen Beschreibungen und Erläuterungen der Symptome zustande kommt – und da bleiben auch einige an einem selbst »hängen«, so nach dem Motto: »Sie sind gesund? Sie sind wohl noch nicht ausführlich genug durchdiagnostiziert worden.« Das Internet hat da vieles zu bieten.
 

Woran kann man seriöse Angebote erkennen?

Auch hier gibt der Blick in das Impressum erste Hinweise: Handelt es sich um einen seriösen Anbieter, zum Beispiel ein wissenschaftliches Institut? Außerdem sollte man schauen: Liegt der Information eine gesicherte wissenschaftliche Erkenntnis zugrunde oder handelt es sich um eine Einzelmeinung? Sind Autoren und Quellen genannt? Einige Beispiele für empfehlenswerte Internetadressen finden Sie am Ende des Artikels. 

Viele unabhängige und empfehlenswerte Seiten tragen ein HON-Zertifikat (Health On the Net), anhand dessen Sie erkennen können, ob es sich um geprüfte Inhalte handelt.

Dessen Prinzipien sind:

  1. Sachverständigkeit – Angabe der Qualifikation der Verfasser.
  2. Komplementarität (Ergänzung) – Informationen und Hilfe sollen medizinische Beratung unterstützen, nicht ersetzen.
  3. Datenschutz – Einhaltung der Vertraulichkeit persönlicher Daten, die ein Webseitenbesucher eingegeben hat.
  4. Zuordnung – Referenzen zu den Informationsquellen und Datum dürfen nicht fehlen.
  5. Belegbarkeit – Behandlungen, Produkte und Dienstleistungen müssen durch ausgewogene und belegbare, wissenschaftliche Informationen gestützt werden.
  6. Transparenz und Kontaktinformationen.
  7. Offenlegung der Finanzierung – Trägerschaft, Sponsoren und Finanzquellen müssen benannt werden.
  8. Werbepolitik – Trennung von Werbung und redaktionellen Inhalten.

(siehe auch www.hon.ch/en/)
 

Internetforen bieten die Möglichkeit, sich mit anderen Betroffenen auszutauschen. Können die Erfahrungen, die andere gemacht haben hilfreich sein? Oder ist hier besondere Vorsicht geboten?

Auch hier ist leider, wie bei vielen Internetseiten, Vorsicht geboten. Leider sind manche Selbsthilfe- oder Betroffenengruppen nicht völlig unabhängig, sondern werden zum Beispiel bei chronischen Erkrankungen noch immer von interessierter Seite unterstützt, von Arzneimittelfirmen oder auch von Firmen, die Medizinprodukte herstellen. Man sollte sich daher auch hier das Impressum und die Jahresfinanzberichte anschauen, ob dort Zuwendungen von ökonomisch interessierter Seite vermerkt sind. Ansonsten kann es sehr tröstlich und hilfreich sein, mit Menschen zu kommunizieren, die unter gleichen Krankheiten und Symptomen, unter den gleichen Ängsten und Belastungen, unter den gleichen Unsicherheiten und Problemen leiden wie man selbst und die einem aus ihren Erfahrungen Hilfe für den Umgang mit der jeweiligen Krankheit, mit der Arzneimitteltherapie oder auch mit dem Alltag geben können. Erst prüfen, dann vertrauen!
 

Halten Sie es grundsätzlich für sinnvoll, sich online über Gesundheitsthemen zu informieren?

Meine Erfahrung ist, dass es für Patienten und deren Angehörige sehr wichtig ist, sich unabhängig, neutral, verständlich und richtig informieren zu können, quasi als Vorbereitung für eine ärztliche Konsultation. Eine solche Information ist zumeist eine gute Basis dafür, die richtigen Fragen zu stellen und die diagnostischen Ergebnisse und Empfehlungen für eine nachfolgende Therapie oder eine andere medizinische Versorgung besser einschätzen und verstehen zu können. Insofern sollte durch eine solche vorangegangene qualitativ gute Information auch die Gesprächsbasis mit den behandelnden Ärztinnen und Ärzten ebenso wie mit anderen Berufsangehörigen im Gesundheitssystem für beide Seiten einfacher werden können.
 

Medizinisches Wissen ist heute nicht nur Fachkreisen, sondern allen zugänglich. Inwiefern verändert sich dadurch die Arzt-Patient-Beziehung?

Die Zeiten des »Herrgotts in Weiß« sind eigentlich vorüber, dennoch kommen sie manchmal noch vor, sowohl in der ambulanten Versorgung wie auch bei Chefärzten in Krankenhäusern. Das patriarchale Denken einer früheren Medizin ist in der Zwischenzeit zumeist einer partizipativen Einstellung gewichen, also einem Miteinander von Ärzten und Patienten statt einer anordnenden Medizin »von oben nach unten«. Die allgemeine Verbreitung medizinischen Wissens auch schon in früheren Jahren durch Fernsehsendungen wie »Sprechstunde«, »Visite« oder »Gesundheitsmagazin Praxis« oder auch durch Bücher wie »Bittere Pillen«, »Kursbuch Gesundheit« oder »Handbuch Medikamente« haben dazu ebenso beigetragen wie die tägliche Berichterstattung über Erfolge und Skandale in der medizinischen Versorgung – es bleibt kaum etwas verborgen.

Es werden heutzutage mehr Aufklärung, mehr Erklärungen und mehr verständliche Informationen erwartet. Die Verfügbarkeit solcher Informationen über das weltweite Internet hat diese Entwicklung noch einmal deutlich beschleunigt – und das ist einerseits auch gut so. Andererseits kann die ärztliche Kommunikation mit den Patienten auch erschwert werden, wenn unseriöse Informationen angeboten wurden und von Seiten der Ärzte dann erst einmal wieder vieles geradegerückt und auf den Boden der Evidenz, also des begründbaren Kenntnisstandes zurückgeführt werden muss.

Untersuchungen der Bertelsmann Stiftung** haben schon 2016 gezeigt, dass die seriösen Seiten offenbar weniger angeklickt werden – dabei sind sie wissenschaftlich geprüft, bieten begründete Informationen und könnten daher auch eine Referenz für die richtigen Informationen sein, die Patientinnen und Patienten benötigen. Die Studie hat aber auch gezeigt, dass nur 13 Prozent solche unabhängigen Seiten nutzen. Vielleicht hat dies damit zu tun, dass die unabhängigen Seiten weniger spektakuläre und ungewöhnliche Hinweise geben, die auch die Gefühle und nicht nur die »Wissensspeicher« der Menschen ansprechen, die nach Ratschlägen suchen. Viele wollen solche Ratschläge, bei denen es auch um Hoffnungen durch alternative Heilverfahren oder ungewöhnliche Angebote geht, sie wollen sich in diesen Vorschlägen wiederfinden, obwohl es keine guten Studien oder andere akzeptable Nachweise gibt, die solche Empfehlungen unterstützen würden.

Darum ist es letztlich so wichtig, dass den Patienten der Zugang zu den richtigen, den seriösen und neutralen Seiten erleichtert wird: Ein nationales Gesundheitsportal, wie es bereits unter der Regie des Gesundheitsministeriums geplant wird, wäre in diesem Zusammenhang eine gute Lösung.
 

Kann eine Internetrecherche unter Umständen einen Arztbesuch ersetzen?

Dies ist allenfalls in Ausnahmefällen denkbar, beispielsweise wenn die Frage im Raum steht, was zu tun ist, wenn die rechtzeitige Einnahme eines Arzneimittels vergessen wurde. Um es klar und deutlich zu sagen: »Dr. Google« kann einen Arzt nicht ersetzen. Er kann Ihnen aber helfen, Ihren Arzt besser über Ihre Symptome zu informieren und die richtigen Fragen zu stellen – das ist zumindest eine Ergänzung der ärztlichen Konsultation, die beiden Seiten zugutekommen kann: Patienten und Ärzten. Patienten brauchen nicht weniger Informationen, sondern andere – neutrale und verständliche.
 

Herr Professor Glaeske, herzlichen Dank für das Interview!

* Quelle: Bertelsmann Stiftung (www.bertelsmann-stiftung.de)
** Weitere Informationen zu der Studie finden Sie unter: https://medwatch.de

Beispiele für empfehlenswerte Internetadressen zum Thema Gesundheit
(Quelle: Professor Dr. Gerd Glaeske)

 

  • Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG)
    Antworten auf eine Vielzahl an Gesundheitsfragen
    www.gesundheitsinformation.de
     
  • Stiftung Warentest
    Bewertung von 9.000 Arzneimitteln
    www.medikamente-im-test.de
     
  • Cochrane Deutschland
    Therapiestudien
    www.cochrane.de
     
  • Deutsches Krebsforschungszentrum
    Therapien bei Krebs
    www.dkfz.de
     
  • Krebsinformationsdienst
    Therapien und alternativmedizinische Angebote bei Krebs
    www.krebsinformationsdienst.de
     
  • Bundesinstitut für Risikobewertung
    U.a. Vitamine und Nahrungsergänzungsmittel
    www.bfr.bund.de
     
  • Robert Koch Institut
    Viele Krankheiten und deren Häufigkeiten
    www.rki.de
     
  • Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG)
    Arzneimittel- und Behandlungsstudien
    www.iqwig.de
     
  • Verbraucherzentrale
    U.a. Nahrungsergänzungsmittel, Aufklärung über angebliche »Wundermittel« bei Krebs oder Gesundheit/Pflege
    www.verbraucherzentrale.de
     
  • Medizinischer Dienst des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen 
    Individuelle Gesundheitsleistungen (IGeL)
    www.igel-monitor.de
     
  • Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen
    Alle Fragen zum Thema Sucht
    www.dhs.de
     
  • MedWatch
    Informationen zu unseriösen medizinischen Angeboten
    www.medwatch.de

Professor Dr. Gerd Glaeske

Der promovierte Pharmazeut ist wissenschaftlicher Leiter des »Länger besser leben«-Instituts und Co-Leiter der Abteilung Gesundheit, Pflege und Alterssicherung am SOCIUM Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik an der Universität Bremen. Zu seinen Schwerpunkten zählt unter anderem die Arzneimittelanwendungsforschung. Außerdem setzt sich Professor Dr. Glaeske für allgemeinverständliche medizinische Patienteninformationen ein.